Kapitel II · Whispers of Autumn
WILD FERN
Abseits des Weges
Morla saß noch eine Weile auf der alten Wurzel. Das rostfarbene Blatt lag dort, wo der Wind es zurückgelassen hatte, und über ihr rauschten die Baumkronen. Eigentlich hätte sie nur den kurzen Weg zurückgehen müssen, um wieder auf den Woodland Trail zu gelangen. Doch als Morla aufstand, tat sie es nicht.
Zwischen den Bäumen vor ihr war eine schmale Lücke. Kein Weg. Nicht einmal eine Spur. Nur gerade genug Platz, um hindurchzugehen. Morla sah zurück. Dann ging sie weiter.
Schon nach wenigen Metern veränderte sich der Wald. Das Gelände fiel leicht ab, der Wind wurde schwächer und der Boden unter ihren Füßen feuchter. Hier unten drang weniger Licht durch die Bäume, und statt des trockenen Laubes, das oben über den Boden geweht war, wuchsen Moose und niedrige Pflanzen zwischen den Wurzeln.
Dann tauchten die ersten Farne auf. Zunächst standen nur einzelne Wedel zwischen den Bäumen. Doch je weiter Morla ging, desto mehr wurden es. Sie wuchsen dicht nebeneinander, übereinander und manchmal so weit in den schmalen Durchgang hinein, dass Morla sie vorsichtig mit der Hand zur Seite schieben musste. Einige waren noch tiefgrün. Andere hatten bereits braune Spitzen, und zwischen ihnen lagen alte, vertrocknete Wedel auf dem feuchten Boden.
Morla blieb stehen. Nur wenige Minuten zuvor hatte sie oben zwischen fallenden Blättern gestanden, mitten im Wind und mitten im Herbst. Hier unten schien der Wald noch nicht ganz so weit zu sein. Das Grün hatte sich gehalten. Geschützt zwischen den Bäumen, verborgen vor dem Wind.
Morla strich mit den Fingern über einen der großen Farnwedel. Er gab unter ihrer Hand nach und richtete sich wieder auf. Erst jetzt betrachtete sie ihn genauer. Von dem langen Stiel gingen zu beiden Seiten unzählige kleine Blätter ab. Eines folgte auf das andere, ähnlich und doch nicht vollkommen gleich, bis sie zusammen die große Form des Wedels bildeten.
Morla ging weiter. Die Farne wurden dichter. Manchmal musste sie einen Umweg um eine besonders große Pflanze machen, manchmal schob sie einen Wedel zur Seite und entdeckte dahinter gleich den nächsten. Es gab keine Ordnung, der sie folgen konnte. Und trotzdem wirkte nichts daran ungeordnet. Alles wuchs dort, wo es Platz gefunden hatte. Wild, dicht und selbstverständlich.

Als Morla schließlich wieder zwischen höheren Bäumen hervorkam, sah sie weiter oben den Woodland Trail. Sie musste lachen. Sie war gar nicht weit von ihm entfernt gewesen. Nur hatte sich der Wald zwischen ihrem Weg und den Farnen vollkommen verändert.
Am Abend dachte Morla noch einmal daran. Sie nahm grünes Garn aus ihrer Schale und ließ den Faden durch ihre Finger gleiten. Dann begann sie zu knüpfen. Ein Knoten folgte dem nächsten, wiederholte sich, veränderte sich ein wenig und wurde Teil eines größeren Musters. So wie die kleinen Blätter an einem Farnwedel.
Morla versuchte nicht, den Farn nachzubilden. Sie wollte auch keine perfekte Ordnung schaffen. Sie ließ das Muster wachsen. Knoten für Knoten, Reihe für Reihe, bis etwas entstand, das sie an diesen geschützten Teil des Waldes erinnerte – an das tiefe Grün, den feuchten Boden und die Farne, die keinen Weg brauchten, um ihren Platz zu finden.
WILD FERN.