Kapitel II · Whispers of Autumn
THREAD SONG
Was die Fäden erzählen
Die Garnreste lagen noch immer auf Morlas Tisch. Inzwischen hatte sie mehr als einmal versucht, sie aufzuräumen. Und jedes Mal waren sie am Ende wieder dort gelandet. Manche Stücke waren kaum länger als ihre Hand. Andere hätten vielleicht noch für einige Reihen gereicht, aber für eines ihrer größeren Schmuckstücke waren sie alle zu kurz. Eigentlich gab es keinen vernünftigen Grund, sie aufzubewahren. Morla tat es trotzdem.
An diesem Abend nahm sie die kleine Schale zu sich heran, in der sie die Reste inzwischen gesammelt hatte. Sie schüttete die Fäden vorsichtig auf den Tisch und begann, sie zu ordnen.
Als Erstes legte sie das tiefe Dunkelrot vor sich. Daneben kam ein warmes Braun. Es folgte Moosgrün und danach ein dunklerer Braunton. Morla legte das Rostorange dazu und ganz zuletzt das warme Goldgelb. Sechs Farben.
Morla betrachtete sie. Inzwischen kannte sie jede einzelne so gut, dass sie kaum noch Garn darin sah. Sie sah den Wald. Das tiefe Rot der Blätter, wenn der Herbst sie vollständig erfasst hatte. Die warmen Brauntöne von Holz und Erde. Das Grün der Farne, das sich an geschützten Stellen noch lange gehalten hatte. Die dunklen, nassen Stämme nach dem Regen. Das Rostorange der Blätter, die der Wind über den Woodland Trail trieb. Und dieses besondere Goldgelb, das entstand, wenn die tief stehende Herbstsonne zwischen den Bäumen hindurchfiel.
Morla strich die Fäden glatt. Jeder für sich war nur ein Rest. Ein Stück von etwas, das längst fertig war. Doch nebeneinander lagen die Farben ihres Herbstes vor ihr.

Morla nahm den dunkelroten Faden in die Hand und begann zu knüpfen. Nicht breit und nicht aufwendig. Dafür reichten die einzelnen Stücke ohnehin nicht. Als der dunkelrote Faden endete, nahm Morla das warme Braun. Dann Moosgrün. Dunkelbraun. Rostorange. Und schließlich Goldgelb.
Mit jeder neuen Farbe veränderte sich das schmale Band zwischen ihren Händen. Und mit jeder Farbe kam etwas zurück. Der Woodland Trail unter ihren Füßen. Der Bach im Hidden Grove. Die wilden Farne abseits des Weges. Das Blatt im Wind. Regen am Fenster. Der alte Baum tief im Wald.
Morla arbeitete langsam. Irgendwann bemerkte sie, dass es draußen vollkommen still geworden war. Nur das leise Geräusch der Fäden zwischen ihren Fingern begleitete sie. Ein Knoten folgte dem anderen. Eine Farbe der nächsten. Fast wie einzelne Töne.
Morla hielt kurz inne. Sie musste lächeln. Vielleicht war das der Grund gewesen, warum sie die Fäden nicht hatte wegwerfen wollen. Nicht weil sie besonders wertvoll waren. Nicht weil aus jedem einzelnen noch etwas Großes hätte werden können. Sondern weil sie noch etwas zu erzählen hatten.
Morla knotete weiter. Aus den sechs Garnresten entstand ein schmales Band. Keine Farbe blieb lange genug, um für sich allein zu bestimmen, wie es aussah. Erst zusammen ergaben sie etwas Ganzes.
Als Morla den letzten goldgelben Faden verknotet hatte, legte sie das Band vor sich. Es war schmal. Schlichter als vieles, was in den vergangenen Wochen auf diesem Tisch entstanden war. Und trotzdem steckte erstaunlich viel darin.
Morla strich mit dem Finger über die sechs Farben. Jeder Faden hatte einmal zu etwas anderem gehört. Jetzt erzählten sie gemeinsam weiter. Wie einzelne Töne, die erst miteinander zu etwas wurden, das man hören konnte.
Morla sah noch einmal auf das schmale Band. Sechs Farben. Sechs Fäden. Und viele kleine Geschichten dazwischen. Dann wusste sie, wie sie es nennen würde.
THREAD SONG.