Kapitel II · Whispers of Autumn
HIDDEN GROVE
Der verborgene Hain
Seit Morla den Weg durch den Wald entdeckt hatte, ging sie ihn beinahe jeden Tag. Noch immer musste sie an manchen Stellen genauer hinsehen, um ihn unter dem Laub wiederzufinden, doch sie brauchte die Spuren der Tiere nicht mehr, um zu wissen, wo es weiterging.
An diesem Morgen blieb sie an einer der Abzweigungen stehen. Es war der Weg zum Wasser. Schon seit ihrer Ankunft im Wald hatte Morla es immer wieder gehört, manchmal kaum mehr als ein fernes Rauschen zwischen den Bäumen. Auch auf dem Woodland Trail war das Geräusch nie ganz verschwunden. Heute wollte sie wissen, woher es kam.
Der Abzweig führte bergab und wurde bald so schmal, dass Morla Zweige zur Seite schieben musste, um weiterzukommen. Farne wuchsen bis dicht an den Weg, und der Boden unter ihren Füßen wurde weicher. Mit jedem Schritt wurde das Rauschen deutlicher.
Dann öffneten sich die Bäume. Vor Morla lag ein kleiner Hain. Alte Stämme standen rings um eine geschützte Lichtung, ihre Wurzeln waren mit Moos überzogen, und zwischen ihnen floss ein schmaler Bach über flache Steine. Das Wasser war nicht tief, doch es bewegte sich schnell genug, um an den Kanten der Steine kleine Spritzer auf das Gras und die Farne zu werfen. Morla blieb am Rand stehen. Von ihrem Weg aus hätte sie diesen Ort niemals sehen können. Er lag verborgen hinter dichtem Grün, als hätte der Wald ihn ein wenig vor der Welt versteckt.
Morla ging hinunter zum Bach und setzte sich auf einen breiten Stein am Ufer. Eine ganze Weile tat sie nichts. Sie hörte nur dem Wasser zu. Hin und wieder fiel Licht durch das Blätterdach und traf die Oberfläche des Baches. Für einen Augenblick blitzte es zwischen den Steinen golden auf, bevor die Bewegung des Wassers es wieder verschwinden ließ. Auch auf den Farnen und Gräsern am Ufer lagen kleine Tropfen. Wenn einer der Sonnenstrahlen sie traf, funkelten sie für einen kurzen Moment.
Morla strich mit den Fingern über das Moos neben sich. Dabei entdeckte sie zwischen zwei Steinen etwas Helles. Sie griff danach. Es war ein kleines Stück Holz, nicht viel größer als eine Perle. Das Wasser hatte seine Kanten abgeschliffen und es so lange zwischen Steinen und Sand bewegt, bis kaum noch etwas Raues daran geblieben war. Fast rund lag es in ihrer Hand. Morla drehte es zwischen den Fingern und musste lächeln. Sie steckte es in ihre Tasche.

Als sie später zur Hütte zurückkehrte, legte sie das kleine Stück Holz auf den Tisch. Daneben lagen ihre Garne. Morla sah von einem zum anderen und dachte an den Hain zurück: an die alten Stämme, das Moos, die Farne und das Licht, das in kleinen goldenen Punkten über das Wasser gewandert war.
Sie nahm eine ihrer Holzperlen aus der Schale. Das Fundstück vom Bach blieb daneben liegen. Es sollte nicht Teil des Schmuckstücks werden. Es hatte seine Aufgabe bereits erfüllt.
Morla begann zu knüpfen. Zwischen das Garn setzte sie das Holz und kleine goldfarbene Perlen, die im Licht ebenso kurz aufblitzten wie der Bach zwischen den Bäumen. Als sie fertig war, betrachtete sie das Armband in ihrer Hand. Es erinnerte sie nicht nur an einen Ort. Es erinnerte sie daran, dass manche Orte direkt neben den Wegen liegen, die man jeden Tag geht – und trotzdem verborgen bleiben, bis man sich entscheidet, abzubiegen.
HIDDEN GROVE.
Zum Armband ist auch ein passender Ring entstanden, der ebenfalls erhältlich ist.