Kapitel II · Whispers of Autumn

FALLEN LEAF

Im Wind

Sechs Paare Fallen-Leaf-Ohrringe in zwei Reihen vor herbstlichem Waldhintergrund

In den Tagen nach ihrem Besuch im verborgenen Hain veränderte sich der Wald. Nicht plötzlich. Doch jeden Morgen lag ein wenig mehr Laub auf dem Woodland Trail, und zwischen den Bäumen wurden die Farben kräftiger. Das Grün wich langsam zurück, während Braun, Gold und dunkles Rot immer größere Flächen zwischen den Kronen einnahmen. Morla bemerkte es bei jedem ihrer Wege.

An diesem Tag nahm sie eine Abzweigung, der sie bisher noch nicht gefolgt war. Der Pfad führte leicht bergauf. Die Bäume standen dort weniger dicht, und je höher Morla kam, desto stärker spürte sie den Wind. Oben öffnete sich der Wald. Keine richtige Lichtung – eher eine Stelle, an der zwischen den Baumkronen mehr Himmel zu sehen war und der Wind ungehindert durch die Äste greifen konnte.

Morla blieb stehen. Über ihr rauschten die Blätter. Dann lösten sich die ersten. Eines, dann mehrere, bis plötzlich überall um sie herum Blätter durch die Luft tanzten. Manche sanken langsam zu Boden, andere wurden vom Wind wieder hochgetragen, drehten sich zwischen den Stämmen und verschwanden irgendwo im Wald. Morla zog den Mantel enger um sich und sah ihnen zu.

Ein kleines, rostfarbenes Blatt landete direkt vor ihren Füßen. Im nächsten Augenblick erfasste der Wind es wieder. Es rutschte über den Weg, sprang über eine Wurzel und blieb einige Schritte weiter liegen. Morla ging daran vorbei. Hinter ihr raschelte es. Das Blatt flog an ihr vorbei und landete wieder vor ihr.

„Ach, du schon wieder“, murmelte Morla. Sie ging weiter. Der Wind offenbar auch. Mal rollte das Blatt über den Boden, mal wurde es ein Stück in die Luft gehoben. Einmal verschwand es zwischen anderem Laub, und Morla dachte schon, ihr kleiner Weggefährte sei verloren gegangen. Wenige Schritte später wirbelte es wieder über den Pfad.

Morla musste lachen. Irgendwann begann sie tatsächlich darauf zu achten, wohin es flog. Nicht weil sie glaubte, dass es ihr etwas zeigen wollte. Sie hatte einfach Spaß daran.

Der Wind trug das Blatt schließlich von dem schmalen Pfad herunter und zwischen zwei Bäume. Morla folgte ihm noch ein Stück. Dort blieb es an einer Wurzel liegen. Diesmal kam kein Windstoß, der es wieder anhob.

Morla ging in die Hocke und betrachtete es. Seine Ränder waren bereits trocken und an einer Stelle eingerissen. Es war nicht das schönste Blatt, das sie in diesem Herbst gesehen hatte. Vielleicht mochte sie es gerade deshalb. Sie nahm es nicht mit. Es gehörte hierher.

Morla setzte sich auf die Wurzel und sah zurück auf den Weg, den sie gekommen war. Dabei fiel ihr auf, wie anders der Wald von hier aus aussah. Durch die weiter auseinanderstehenden Bäume konnte sie viel tiefer zwischen die Stämme sehen. Überall bewegten sich Farben im Wind, und jedes Blatt schien für einen kurzen Moment seinen eigenen Weg zu nehmen, bevor es irgendwo zu Boden sank. Morla dachte an das erste Blatt, das sie vor einigen Tagen gefunden hatte. Damals hatte der Herbst gerade begonnen, seine Farben zu zeigen. Jetzt war er mitten im Wald angekommen.

Rostfarbene Herbstblätter auf moosbewachsenen Steinen neben einem kleinen Waldbach

Am Abend lag auf Morlas Tisch kein Fundstück. Nur ihre Garne. Sie ließ die Fäden durch ihre Finger gleiten und erinnerte sich an das kleine Blatt, das vor ihr über den Weg getanzt war. An seine Sprünge über Wurzeln, an seine Drehungen im Wind und daran, dass sie irgendwann aufgehört hatte, einfach nur ihren Weg zu gehen, und begonnen hatte, ihm zu folgen.

Das Schmuckstück, das unter ihren Händen entstand, sollte kein Blatt festhalten. Es sollte seine Bewegung bewahren. Leicht, ein wenig unberechenbar und niemals ganz dort, wo man es im nächsten Augenblick erwartete.

Morla setzte den letzten Knoten und musste wieder lächeln. Manchmal brauchte es keinen besonderen Fund und kein verborgenes Geheimnis. Manchmal reichte ein Blatt. Und ein bisschen Wind.

FALLEN LEAF.

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