Kapitel II · Whispers of Autumn

EPILOG II

Was vom Wald bleibt

Epilog-II-Armband mit schwarzem Knotenmuster und den sechs Farben des Herbstwaldes

Morla wusste nicht, wann der Gedanke zum ersten Mal gekommen war. Vielleicht an einem der stillen Abende in der Hütte. Vielleicht auf dem Woodland Trail, als sie bemerkte, dass ihre Füße längst wussten, wohin sie gehen mussten, ohne dass sie noch nach dem Weg suchte. Oder an jenem Morgen, an dem sie aus dem Fenster gesehen und für einen kurzen Moment daran gedacht hatte, was wohl hinter dem Wald lag. Es war kein Wunsch fortzugehen. Noch nicht. Eher ein leises Gefühl, dass ihre Zeit hier sich veränderte.

Als Morla den Wald betreten hatte, war hinter jedem Baum etwas gewesen, das sie noch nicht kannte. Jeder Abzweig hatte irgendwohin führen können. Inzwischen waren aus diesen unbekannten Wegen vertraute Orte geworden. Morla wusste, wo das Wasser rauschte. Sie wusste, wo die Farne besonders dicht wuchsen und an welcher Stelle der Wind zwischen den Bäumen so stark wurde, dass die Blätter über den Weg tanzten. Sie kannte den alten Baum tief im Wald. Und sie wusste, welcher Abzweig sie zum Hidden Grove führte, selbst wenn Laub den schmalen Pfad beinahe vollständig bedeckte.

Der Wald war ihr vertraut geworden. Nicht weil er keine Geheimnisse mehr besaß. Morla war sich ziemlich sicher, dass ein Wald wie dieser niemals alle seine Geheimnisse preisgab. Aber sie hatte das Gefühl, gehört zu haben, was er ihr auf dieser Reise erzählen wollte.

Und irgendwo jenseits seiner Bäume wartete bereits etwas Neues. Morla konnte es nicht benennen. Sie spürte nur dieses leise Ziehen, das sie schon einmal gekannt hatte. Damals hatte es sie an die Küste geführt. Jetzt begann es wieder.

Doch bevor Morla weiterging, wollte sie sich verabschieden. Nicht vom Wald als Ganzem. Von ihren Orten.

Am nächsten Morgen brach sie früh auf. Sie ging zuerst zum Hidden Grove. Der Bach floss noch immer über dieselben flachen Steine, und Morla setzte sich ein letztes Mal auf ihren Platz am Ufer.

Sie dachte an das kleine rundgeschliffene Stück Holz, das noch immer auf ihrem Tisch in der Hütte lag. An die Tautropfen im ersten Morgenlicht. Und daran, dass dieser verborgene Ort gleich mehrere Geschichten für sie bereitgehalten hatte, obwohl sie ihn beim ersten Mal vom Woodland Trail aus nicht einmal hatte sehen können. Morla blieb eine Weile. Dann ging sie weiter.

Sie nahm den Weg hinauf zu der Stelle, an der der Wind freier zwischen den Bäumen hindurchzog. Noch immer lösten sich Blätter aus den Kronen. Morla sah einem davon nach. Es fiel zu Boden und blieb dort liegen. „Heute nicht“, sagte sie lächelnd. Sie hatte nicht vor, wieder einem Blatt durch den halben Wald hinterherzulaufen.

Später ging sie an den Farnen vorbei. Viele von ihnen hatten inzwischen ihre Farbe verändert. Das tiefe Grün, das Morla bei ihrem ersten Besuch dort überrascht hatte, war an manchen Stellen einem gedämpften Braun gewichen. Auch hier war der Herbst weitergezogen.

Schließlich führte ihr Weg tiefer zwischen die alten Bäume. Zum Forest Heart. Morla legte die Hand auf die raue Rinde. Die kleine moosbewachsene Vertiefung war noch da. Natürlich war sie das. Der Baum brauchte Morla nicht, um weiter dort zu stehen. Dieser Gedanke gefiel ihr.

Sie setzte sich noch einmal zwischen die mächtigen Wurzeln. Nur für eine Weile.

Als Morla später aufstand, fiel ein Schatten über den Boden. Flügel rauschten über ihr. Sie musste nicht hinsehen, um zu ahnen, wer es war.

Der schwarze Rabe landete einige Schritte entfernt auf einem niedrigen Ast. „Da bist du ja.“ Er sah sie an. Inzwischen begegnete Morla ihm so häufig, dass es sich beinahe merkwürdig angefühlt hätte, den Wald zu verlassen, ohne ihn noch einmal zu sehen.

Sie ging weiter. Der Rabe folgte. Nicht ständig. Manchmal flog er voraus, manchmal blieb er zurück, und gelegentlich verlor Morla ihn vollkommen aus den Augen. Doch immer wieder tauchte er irgendwo zwischen den Bäumen auf. Gemeinsam – falls man bei einem Raben überhaupt von gemeinsam sprechen konnte – kamen sie schließlich zurück auf den Woodland Trail.

Morla ging langsam. Sie dachte an den ersten Tag, an dem dieser Weg für sie entstanden war. Damals hatte sie Tierspuren im feuchten Boden verfolgt und war einem unbekannten schwarzen Raben hinterhergegangen. Heute brauchte sie keine Spuren mehr. Sie kannte ihren Weg.

Dann blieb Morla stehen. Da war noch einer. Der schmale Abzweig zwischen den dicht stehenden Bäumen. Sie hatte ihn damals gesehen. Schon an jenem ersten Tag. Doch sie war nie dort entlanggegangen.

Morla trat näher. Der Weg sah noch genauso aus wie damals. Vielleicht sogar dunkler. Die Äste griffen dicht ineinander, und nur wenig Licht erreichte den Boden darunter. Während alle anderen Abzweigungen inzwischen Erinnerungen in Morla hervorriefen, war dieser hier vollkommen leer. Kein Bach. Keine Farne. Kein alter Baum. Keine Geschichte. Nur ein Weg, den sie nicht kannte.

Ein heller Herbstwaldweg neben einem dunklen, violett leuchtenden Abzweig zwischen alten Bäumen

Morla spürte plötzlich etwas, das sie lange nicht mehr gespürt hatte. Neugier.

Hinter ihr raschelte es. Der Rabe landete auf einem Ast direkt neben dem dunklen Pfad. Morla sah ihn an. Er sah zurück.

„Was?“ Der Rabe bewegte sich nicht. Morla blickte wieder zwischen die Bäume. Dann zu ihm.

„Willst du mir sagen, ich soll da nicht rein?“ Keine Reaktion.

„Oder soll ich genau da rein?“ Der Rabe legte den Kopf schief.

Morla seufzte. „Du bist wirklich keine große Hilfe.“ Sie musste lächeln.

Doch sie betrat den Weg nicht. Noch nicht. Heute war sie gekommen, um sich zu verabschieden. Nicht um eine neue Geschichte zu beginnen.

Morla wandte sich wieder dem Woodland Trail zu. Nach einigen Schritten hörte sie hinter sich Flügelschläge. Der Rabe flog über sie hinweg und verschwand zwischen den Bäumen vor ihr.

Morla sah ihm nach. Dann blickte sie ein letztes Mal zurück. Der dunkle Pfad lag still zwischen den Bäumen. Und zum ersten Mal fragte sie sich, wohin er führte.

Am Abend saß Morla in ihrer Hütte. Vor ihr lagen die Dinge, die in den vergangenen Wochen entstanden waren. Blätter würden vergehen. Farben würden wechseln. Der Herbst würde dem Winter Platz machen, und irgendwann würde Morla auch diese Hütte verlassen.

Doch etwas würde bleiben. Die Wege, die sie gegangen war. Die Orte, an denen sie gesessen hatte. Die Geschichten, die sie mitgenommen hatte. Und irgendwo zwischen all dem ein dunkler Pfad, dessen Geschichte noch nicht erzählt war.

Morla sah hinaus in den Wald. Noch war sie hier. Aber nicht mehr lange.

EPILOG II

Was vom Wald bleibt.

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