Kapitel II · Whispers of Autumn

WOODLAND LEAF

Das erste Zeichen

Sechs Woodland-Leaf-Armbänder vor herbstlichem Waldhintergrund

Am nächsten Morgen brach Morla früh auf. Über der Lichtung lag noch Nebel, und zwischen den Bäumen war es kühler, als sie erwartet hatte. Nur dort, wo die ersten Sonnenstrahlen durch das Blätterdach drangen, entstanden kleine helle Flecken auf dem Waldboden.

Morla ließ die Hütte hinter sich und folgte einem schmalen Pfad, der zwischen Farnen und alten Wurzeln in den Wald hineinführte. Sie hatte kein bestimmtes Ziel. Das war inzwischen nichts Neues für sie.

Schon an der Küste hatte sie gelernt, dass ein Weg nicht immer wissen musste, wohin er führte, bevor man ihn betrat. Trotzdem war dieser Wald anders. Die Wege verliefen nicht offen vor ihr, sondern verschwanden immer wieder hinter Bäumen, unter herabhängenden Zweigen oder zwischen dichtem Farn. Mehr als einmal blieb Morla stehen und fragte sich, ob sie überhaupt noch einem Weg folgte.

An einer Stelle teilte sich der schmale Pfad. Der eine führte zwischen dunklen Stämmen weiter bergauf, der andere verschwand beinahe vollständig unter einer dicken Schicht aus Herbstlaub. Morla blieb stehen. Es gab kein Schild, keine Markierung und nichts, das ihr verriet, welcher der beiden Wege der richtige war.

Während sie noch überlegte, löste sich über ihr ein Blatt von einem Ast. Es fiel nicht gerade zu Boden. Der Wind fing es auf, hob es noch einmal an und trug es ein Stück über den Weg, bevor es direkt vor Morlas Füßen liegen blieb. Sie bückte sich.

Das Blatt war längst nicht mehr vollkommen. Eine Seite war eingerissen, an den Rändern begann es bereits braun zu werden, und doch waren seine feinen Adern noch deutlich zu erkennen. Sie liefen vom Stiel aus auseinander, teilten sich immer weiter und bildeten ein Geflecht aus kleinen Wegen. Morla drehte das Blatt zwischen den Fingern.

Keiner dieser Wege verlief gerade. Und trotzdem gehörten sie alle zu demselben Blatt. Sie musste lächeln. Vielleicht musste sie überhaupt nicht wissen, welcher Pfad der richtige war. Vielleicht musste sie nur einen wählen.

Morla steckte das Blatt vorsichtig in die Tasche ihrer Jacke und nahm den Weg, der unter dem Herbstlaub beinahe verschwunden war. Er führte sie nicht zu einem besonderen Ort. Es wartete dort kein verborgener Schatz auf sie, keine geheimnisvolle Lichtung und keine Antwort auf eine Frage, die sie sich noch gar nicht gestellt hatte. Aber der Weg führte weiter. Und für diesen Morgen genügte das.

Ein schmaler, laubbedeckter Waldpfad im goldenen Morgenlicht

Erst am späten Nachmittag kehrte Morla zur Hütte zurück. Das Blatt hatte die Wanderung in ihrer Tasche nicht ganz unbeschadet überstanden. Eine Ecke war abgebrochen, und der Rand hatte sich eingerollt, doch die feinen Linien waren noch immer zu erkennen. Morla legte es auf den Tisch am Fenster. Daneben lagen die Garne, die sie am Abend zuvor ausgepackt hatte.

Eine ganze Weile betrachtete sie das Blatt, bevor ihre Hände zu arbeiten begannen. Sie knüpfte schmale Blätter entlang eines Bandes, eines nach dem anderen, ähnlich den kleinen Verzweigungen, die sie am Morgen zwischen ihren Fingern betrachtet hatte.

Nicht als Wegweiser. Nicht als Antwort. Sondern als Erinnerung daran, dass man manchmal nicht den ganzen Weg kennen muss, um weiterzugehen. Manchmal reicht es, den nächsten Schritt zu wählen. So entstand der erste Begleiter des Herbstwaldes. WOODLAND LEAF.

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