Kapitel I · The First Journey
WHISPERLIGHT
Wenn das Meer leise leuchtet

An einem der folgenden Abende konnte Morla nicht recht zur Ruhe kommen. Sie hatte längst das Licht in ihrem Zimmer gelöscht, doch durch das offene Fenster drang das gleichmäßige Rauschen des Meeres herein, und irgendwann stand sie wieder auf, zog sich etwas über und ging noch einmal hinaus.
Der Weg hinunter zum Wasser war ihr inzwischen vertraut. Im Dunkeln wirkte die Küste jedoch anders als am Tag. Die Felsen verloren ihre Konturen, der Horizont war kaum noch vom Himmel zu unterscheiden, und selbst die vertrauten Wege schienen stiller geworden zu sein.
Morla ging bis zu einer kleinen Bucht, die zwischen den Felsen lag. Dort setzte sie sich auf einen flachen Stein und sah den Wellen zu, die sanft über den dunklen Strand liefen.
Erst nach einer Weile bemerkte sie es. Dort, wo das Wasser den Sand berührte, blitzte für einen winzigen Augenblick etwas auf. Morla beugte sich vor.
Die nächste Welle kam, zog sich zurück, und wieder erschienen kleine Lichtpunkte im Wasser. Sie waren kaum heller als Sterne in weiter Ferne und verschwanden so schnell, wie sie gekommen waren. Je länger Morla hinsah, desto mehr entdeckte sie.
Mit jeder Bewegung des Wassers glomm etwas auf, als würde das Meer für einen Augenblick sein eigenes Licht zeigen. Es war kein Licht, das einen Weg wies wie der Leuchtturm im Nebel, und auch keines, das die Dunkelheit vertreiben wollte. Es war einfach da. Leise, flüchtig und wunderschön.

Morla blieb lange sitzen und hörte dem Wasser zu, während diese kleinen Lichter immer wieder zwischen den Wellen auftauchten. Irgendwann dachte sie, dass es fast wirkte, als würde das Meer nicht sprechen, sondern flüstern.
Als sie später in die Pension zurückkehrte, war es längst still im Haus. Morla setzte sich noch einmal an ihren kleinen Tisch am Fenster und öffnete ihre graue Werkstatttasche. Wie so oft ließ sie ihre Finger den Tag beenden.
Sie griffen nach einem feinen Faden, nach einem kleinen Stein und nach einem zarten Metallelement. Morla dachte nicht darüber nach, was daraus entstehen sollte. Die vertrauten Bewegungen ließen ihre Gedanken ruhiger werden, während ihre Hände knoteten und formten.
Diesmal entstand nichts Breites und nichts Schweres. Etwas Kleines wuchs zwischen ihren Fingern heran, leicht genug, um sich bei jeder Bewegung ein wenig mitzubewegen. Morla hielt es hoch. Der kleine Stein fing das Licht der Lampe auf und gab es nur für einen Augenblick wieder zurück.
Da war die Bucht erneut vor ihr, das dunkle Wasser und dieses kaum sichtbare Leuchten zwischen den Wellen. Morla sah zu den anderen Steinen in ihrem Kästchen. Zu den sechs Farben, die diese Küste ihr bereits geschenkt hatte. Warum sollte nur eine von ihnen flüstern?
Nach und nach entstanden weitere kleine Lichter, jedes in einer anderen Farbe und mit einem anderen Stein, aber alle aus demselben Gedanken heraus. Nicht jedes Licht musste hell sein, um gesehen zu werden. Manches wollte gar nichts zeigen und niemanden irgendwohin führen. Manches durfte einfach nur einen Augenblick lang aufleuchten und daran erinnern, dass auch im Dunkeln etwas Schönes verborgen sein konnte.
Morla legte die kleinen Ohrringe nebeneinander und musste an das Meer denken. Dann nannte sie sie Whisperlight. Wie ein Flüstern aus Licht, das man nur bemerkt, wenn man still genug wird, um hinzusehen.