Kapitel I · The First Journey
THE FIRST JOURNEY
Das Herzstück

Eigentlich wollte sie nur ein paar Tage bleiben. Doch aus ein paar Tagen wurden mehr. Morgens ging sie hinaus, ohne bestimmtes Ziel, einfach um die Luft, das Meer und die Wege kennenzulernen. Und am Abend kehrte sie in ihr Zimmer zurück.
Dort wartete neben ihrem Reisegepäck auch die kleine graue Tasche, die sie überallhin begleitete. Denn Morla reiste zwar, aber ganz ohne ihre Werkstatt war sie nie unterwegs. In der Tasche lagen Garne, Metallperlen, Natursteinperlen, Anhänger, Zangen, Schere, Feuerzeug und all die kleinen Dinge, die man braucht, wenn die Hände plötzlich wissen, was entstehen soll. Wo Morla blieb, wurde diese Tasche geöffnet. Und aus irgendeinem Tisch wurde für eine Weile ein Werktisch. So wurde auch der kleine Tisch am Fenster in der Pension bald zu ihrer Werkstatt.
Das schwarze Band an ihrem Handgelenk war immer bei ihr. Ihr erstes Schmuckstück. Seit dem Tag, an dem sie es geknüpft hatte, hatte Morla es nie wieder abgelegt. Nie. Es war längst zu etwas geworden, das einfach zu ihr gehörte.
Drei Tage war sie nun an der Küste. Am Abend des dritten Tages saß Morla wieder an ihrem kleinen Tisch am Fenster. Draußen wurde es langsam still. Der Mond stand über dem Wasser und legte einen milchigen Schimmer auf das dunkler werdende Meer. Im Garten bewegten sich die Äste des schief gewachsenen Apfelbaums im Wind. An der alten Steinmauer lagen Moos und Efeu wie dunkle grüne Flecken zwischen dem Grau. Weiter unten zeichneten sich die Felsen der Küste ab, und dahinter lag das Wasser in wechselnden Blau- und Grüntönen.

Morla öffnete ihre graue Werkstatttasche. Aus einem kleinen Kästchen nahm sie einige Natursteinperlen. Nicht, weil sie schon wusste, was daraus werden sollte. Ihre Hände suchten einfach. Ein Stein. Dann noch einer. Und noch einer. Als schließlich sechs vor ihr lagen, hielt Morla inne. Opalit. Granat. Tigerauge. Jade. Landschaftsjaspis. Aquamarin.
Sie sah auf die Steine. Dann hinaus aus dem Fenster. Und plötzlich verstand sie.
Der Opalit trug denselben milchigen Schimmer wie der Mond auf dem dunklen Wasser. Der Granat erinnerte sie an das tiefe Rot des Apfels vor dem Fenster. Im Tigerauge lagen Braun, Gold und Schatten wie in den alten Wurzeln draußen am Weg. Die Jade trug das satte Grün von Moos und Efeu. Im Landschaftsjaspis fand sie die Linien und Schichten der Küstenfelsen wieder. Und der Aquamarin hatte genau jene Farbe, die das Meer annahm, wenn Licht über seine Oberfläche zog.
Morla hatte diese Steine nicht bewusst ausgesucht. Und trotzdem lagen vor ihr plötzlich sechs kleine Erinnerungen an diesen Ort. Als hätte die Küste selbst ihre Farben in ihre Hände gelegt.
Morla strich mit dem Daumen über das schwarze Band an ihrem Handgelenk. Vielleicht hatte die Reise gar nicht erst hier begonnen. Vielleicht hatte sie schon viel früher begonnen – mit diesem einen schwarzen Faden. Nur hatte Morla es damals noch nicht gewusst.
Nun griff sie nach ihren Garnen. Zu Schwarz kamen weitere Farben. Rot. Taupe. Grün. Ein warmer Erdton. Blau. Und langsam begannen ihre Hände, aus den Farben und Steinen etwas Neues entstehen zu lassen. Keine Souvenirs. Keine Abbilder. Eher kleine Spuren von dem, was dieser Ort in ihr hinterlassen hatte.
Als Morla später wieder aus dem Fenster sah, lag die Küste noch genauso da wie zuvor. Der Mond gehörte weiterhin dem Himmel. Der Apfel dem Baum. Das Moos der Mauer. Die Felsen dem Meer. Morla hatte nichts davon mitgenommen. Und trotzdem war etwas davon bei ihr geblieben.
Auf dem kleinen Tisch lagen nun die ersten Wegzeichen ihrer Reise. Und zum ersten Mal bekam diese Reise einen Namen. THE FIRST JOURNEY. Morla wusste noch nicht, was sie an dieser Küste noch finden würde. Aber jetzt wollte sie es herausfinden.
Am nächsten Morgen zog sie los. Nicht mehr nur, um sich umzusehen. Sondern um zu entdecken, was dieser Ort ihr noch erzählen wollte.