Kapitel I · The First Journey
SOULKEEPER
Ein Ort für das, was bleibt

Ein paar Tage später nahm Morla einen Weg, der sie von der offenen Küste fortführte. Er wurde schmaler, verlief zwischen alten Steinmauern hindurch und führte schließlich zu einer kleinen Anhöhe. Dort stand ein Baum. Alt musste er sein. Sein Stamm war breit und vom Wetter gezeichnet, seine Äste vom Wind zur Seite gebogen, als hätte er seit vielen Jahren immer wieder denselben Geschichten gelauscht.
Doch etwas an ihm war anders. Schon von Weitem schien es, als würde sich zwischen seinen Zweigen Licht bewegen. Als Morla näher kam, erkannte sie kleine Spuren. Bänder flatterten zwischen den Ästen wie verblasste Gedanken. Dazwischen schimmerten hier und dort winzige Anhänger im Sonnenlicht. Getrocknete Blüten bewegten sich leise im Wind, und zwischen den Zweigen lagen kleine, sorgfältig befestigte Dinge, deren Bedeutung nur jene kannten, die sie einst hierhergebracht hatten.
Manches war fast farblos geworden. Anderes leuchtete noch, als wäre es erst gestern dort zurückgelassen worden. Der Baum wirkte nicht geschmückt. Eher, als hätte er über viele Jahre etwas gesammelt. Nicht Dinge. Erinnerungen.
Neben seinem Stamm stand ein altes Holzschild. Moos hatte bereits begonnen, die unteren Kanten zu überwachsen. Die Schrift war ausgebleicht, doch Morla konnte sie noch lesen.
Baum der Erinnerungen
Darunter standen nur wenige Worte:
Was du nicht verlieren möchtest, übergib dem Baum.
Nicht damit es bleibt, wie es war.
Sondern damit seine Erinnerung einen Ort hat.
Morla blickte wieder hinauf. Jetzt sah sie die Äste anders. Jedes kleine Zeichen dort oben musste einmal jemandem etwas bedeutet haben. Vielleicht hing dort die Erinnerung an einen Menschen. An einen Sommer. An ein Versprechen. An einen Ort, an den jemand nie wieder zurückkehren würde. Morla kannte keine dieser Geschichten. Und doch hatte sie plötzlich das Gefühl, mitten zwischen ihnen zu stehen.
Dann kam eine Windböe. Die Zweige rauschten auf, und irgendwo über ihr löste sich ein altes schmales Band. Es flatterte einen Augenblick frei im Wind. Morla streckte die Hand aus und fing es auf, bevor es davongetragen werden konnte.
Das Band lag leicht in ihrer Hand. Fast farblos. Fast nichts. Und trotzdem hielt sie es vorsichtiger, als hätte jemand ihr etwas Wertvolles anvertraut. Denn irgendwann hatte jemand genau dieses Band an diesen Baum geknüpft. Nicht, weil der Stoff kostbar war. Sondern weil das, wofür er stand, es gewesen war.
Morla band es wieder an denselben Ast. Fester diesmal. Der Wind griff danach. Doch das Band blieb.
Morla setzte sich unter den Baum. Über ihr bewegten sich all die kleinen Erinnerungen miteinander. Sie hörte das Rascheln der Blätter, das leise Aneinanderschlagen winziger Anhänger und irgendwo dahinter das entfernte Rauschen des Meeres. Und für einen Moment hatte sie das seltsame Gefühl, als würde der Baum all diese Geschichten kennen. Nicht erzählen. Nur bewahren.

Am Abend saß Morla wieder an ihrem kleinen Tisch am Fenster. Sie öffnete ihre graue Werkstatttasche und ließ den Tag langsam still werden. Ihre Finger fanden Garn. Einen Stein. Dann begannen sie zu knoten. Morla dachte nicht darüber nach, was daraus werden sollte. Das tat sie abends selten. Sie ließ ihre Hände tun, was sie längst gelernt hatten. Knoten für Knoten. Ruhig. Vertraut.
Erst als ihre Finger innehielten, sah Morla genauer hin. Vor ihr lag eine Kette. Und plötzlich war der alte Baum wieder da. Die Zweige im Wind. Das verblasste Band in ihrer Hand. All die Geschichten, die niemand mehr sehen konnte und die trotzdem noch ihren Platz hatten.
Da verstand Morla, was ihre Hände aus diesem Tag mitgebracht hatten. Nicht die Erinnerungen der Menschen am Baum. Die gehörten ihnen. Sondern etwas anderes:
Manches bleibt nicht, weil wir es festhalten.
Manches bleibt, weil es einen Platz in uns gefunden hat.
Morla strich über die Kette. Dann gab sie ihr einen Namen. Soulkeeper. Ein kleiner Hüter für das, was die Seele nicht verlieren möchte.