Kapitel I · The First Journey
EVERLIGHT
Ein Licht, das begleitet

Inzwischen kannte Morla die kleine Pension so gut, dass ihr Dinge auffielen, die sie in den ersten Tagen kaum bemerkt hatte. Sie wusste, welche Stufe auf der Treppe besonders laut knarrte, zu welcher Tageszeit die Sonne auf den kleinen Tisch am Fenster fiel und wann unten im Haus gewöhnlich der erste Kaffee gekocht wurde. Aus dem fremden Zimmer war für eine Weile ein vertrauter Ort geworden.
Vielleicht bemerkte sie deshalb erst jetzt die kleine Lampe im Fenster des Eingangsraums. Jeden Abend, kurz bevor es dunkel wurde, zündete die Besitzerin der Pension sie an. Sie stand dort, wenn Morla von ihren Wegen zurückkam, und manchmal brannte sie noch spät in der Nacht, obwohl unten längst niemand mehr wach zu sein schien.
Eines Abends blieb Morla auf der Treppe stehen und sah der Frau dabei zu, wie sie das Licht entzündete.
„Die steht jeden Abend dort, oder?“, fragte sie.
Die Frau blickte zur Lampe und nickte. „Schon immer.“
Morla musste lächeln. „Und wofür?“
Die Besitzerin stellte das Glas wieder über die kleine Flamme. „Für jeden, der noch unterwegs ist.“
Mehr sagte sie nicht, und eigentlich brauchte es auch nicht mehr. Morla trat vor die Tür und sah von draußen zurück zum Fenster. Das Licht war klein. Es erhellte weder den Weg bis hinunter zur Küste noch hätte man es von weit draußen auf dem Meer sehen können. Es war kein Leuchtturm und wollte auch keiner sein. Es sagte nur: Hier ist noch Licht.

Morla blieb einen Moment stehen, bevor sie ihren Abendspaziergang fortsetzte. In den vergangenen Wochen waren ihr viele Lichter begegnet. Mondlicht auf dem Wasser, der Strahl des Leuchtturms im Nebel, das flüchtige Leuchten der Wellen in jener kleinen Bucht. Jedes hatte zu einem bestimmten Augenblick gehört.
Diese kleine Lampe war anders. Sie war einfach jeden Abend wieder da. Unaufdringlich, verlässlich und beinahe selbstverständlich. Als Morla später zurückkam, leuchtete sie noch immer im Fenster.
Im Zimmer setzte sie sich an ihren kleinen Tisch und öffnete wie gewohnt die graue Werkstatttasche. Während ihre Finger das Garn fanden und mit den vertrauten Bewegungen zu knoten begannen, dachte Morla daran, dass sie nicht mehr lange hierbleiben würde. Der Gedanke machte sie nicht traurig.
Die Küste hatte ihr gegeben, was sie hier finden sollte, auch wenn sie das bei ihrer Ankunft noch nicht hatte wissen können. Andere Wege warteten irgendwo auf sie, andere Orte und vermutlich auch Farben, die sie noch nicht kannte. Ihre Finger arbeiteten weiter, ruhig und ohne Eile, bis ein feines Armband zwischen ihnen entstand.
Morla betrachtete es eine Weile. Es gehörte zu dieser ersten Reise und trug etwas von ihr in sich, doch gleichzeitig fühlte es sich anders an als die übrigen Begleiter. Nicht wie etwas, das hierbleiben wollte. Eher wie etwas, das mitgehen würde.
Morla sah zur kleinen Lampe hinunter, deren Licht durch die Dunkelheit bis zu ihrem Fenster schimmerte. Vielleicht brauchte man unterwegs nicht immer ein großes Licht. Vielleicht genügte manchmal eines, das still blieb, während sich alles andere veränderte. Eines, das man mit sich tragen konnte.
Morla nahm das feine Armband in die Hand und wusste plötzlich, dass seine Geschichte an dieser Küste nicht enden würde. Wo immer ihre Reise sie als Nächstes hinführte, würde es wieder auftauchen und etwas von den Farben dieses neuen Ortes annehmen.
Sein erstes Licht hatte es hier gefunden. Den Namen aber würde es behalten. Everlight. Ein kleines Licht, das nicht an einen einzigen Ort gehörte, sondern an die Reise selbst.