Kapitel I · The First Journey

EPILOG I

Was vom Weg bleibt

Epilog I Ring aus allen sechs Farben des ersten Kapitels

Am Abend vor ihrer Abreise saß Morla noch einmal lange an dem kleinen Tisch am Fenster. Draußen lag die Küste still im letzten Licht, und durch das geöffnete Fenster drang das gleichmäßige Rauschen des Meeres herein. In den vergangenen Wochen war dieses Geräusch so selbstverständlich geworden, dass Morla beinahe vergessen hatte, wie fremd es ihr bei ihrer Ankunft noch gewesen war.

Vor ihr lagen die Garne, die sie mit diesem Ort verband. Schwarz, Rot, Taupe, Grün, der warme Erdton und Blau. Jede dieser Farben trug inzwischen mehr in sich als nur Garn. Da war der milchige Schimmer des Mondes auf dem dunklen Wasser, das tiefe Rot des Apfels vor dem Fenster, das warme Braun und Gold alter Wurzeln, das satte Grün von Moos und Efeu, die gezeichneten Linien der Küstenfelsen und das Blaugrün des Meeres.

Morla betrachtet am Tisch vor der Küste die sechs Garnfarben ihrer ersten Reise

Morla ließ den Blick eine Weile darüber wandern. Dann nahm sie alle Fäden auf einmal in die Hand. Diesmal wollte sie nichts Neues suchen. Es ging nicht um einen einzelnen Augenblick, nicht um ein Licht, einen Sturm oder eine Erinnerung. Es ging um all das, was sich während ihrer Zeit an dieser Küste miteinander verbunden hatte.

Ihre Finger begannen zu knoten. Die Bewegungen waren ruhig und vertraut, und während die Fäden sich ineinanderlegten, zogen die vergangenen Wochen noch einmal leise durch ihre Gedanken.

Der Nebel und das Licht des Leuchtturms. Der Baum der Erinnerungen. Der alte Wachposten über dem Meer. Die kleine Bucht, in der das Wasser nachts geleuchtet hatte. Der Hafen. Die Frau mit dem Fischernetz. Der verwitterte Torbogen. Die kleine Vase im Eingangsraum. Und die Lampe im Fenster, die jeden Abend für diejenigen brannte, die noch unterwegs waren.

Morla knotete weiter, ohne Eile, bis ihre Hände schließlich innehielten. Vor ihr lag ein Ring. In ihm kamen die Farben dieses Ortes zusammen, nicht nebeneinander, sondern miteinander verwoben, als würden sie sich gegenseitig erzählen, was gewesen war. Morla nahm ihn in die Hand und betrachtete ihn lange.

Er war kein Anfang wie The First Journey. Kein einzelner Begleiter wie Hope oder Guardian Ring. Und auch kein Licht, das sie weitertragen würde wie Everlight. Er war etwas anderes. Er war das, was blieb, wenn man einen Ort wieder verließ und trotzdem etwas von ihm in sich weitertrug. Ein stiller Kreis aus allem, was diese erste Reise ihr gegeben hatte.

Morla nannte ihn Epilog I. Dann legte sie den Ring neben ihre graue Werkstatttasche und sah noch einmal hinaus auf das Meer.

Am nächsten Morgen wachte Morla früher auf als sonst. Das Zimmer lag im ersten blassen Licht des Tages, und durch das offene Fenster drang wieder das ruhige Rauschen der Wellen herein. Für eine Weile blieb sie einfach liegen und hörte zu.

Nun wusste sie, dass es Zeit war weiterzuziehen. Es gab keinen besonderen Grund dafür. Kein Zeichen am Himmel und keinen Wegweiser vor der Tür. Nur dieses ruhige Wissen, das manchmal auftauchte, wenn ein Ort einem alles erzählt hatte, was man dort im Moment hören konnte.

Morla setzte sich noch einmal an den kleinen Tisch am Fenster. Zum letzten Mal lag die Küste vor ihr. Der schief gewachsene Apfelbaum bewegte sich leicht im Morgenwind, an der alten Steinmauer glänzte noch Feuchtigkeit zwischen Moos und Efeu, und weiter unten lagen die Felsen dort, wo das Meer seit langer Zeit seine eigenen Linien in sie geschrieben hatte.

Als sie angekommen war, hatte Morla einfach nur aus diesem Fenster gesehen. Jetzt kannte sie die Wege, die sich dahinter verbargen. All diese Orte würden bleiben, wenn sie längst nicht mehr hier war, und vielleicht mochte sie gerade diesen Gedanken.

Sie begann zu packen. Garne verschwanden wieder in der kleinen grauen Werkstatttasche, daneben Steine, Perlen, Anhänger und Werkzeuge. Alles fand nach und nach seinen vertrauten Platz.

Bei den Begleitern, die in den vergangenen Wochen entstanden waren, hielt Morla einen Moment inne. Jeder von ihnen trug etwas von diesem Ort in sich. Nicht genug, um die Küste mitzunehmen. Das wollte Morla auch gar nicht. Aber genug, um sich später daran zu erinnern, was sie hier gefunden hatte.

An ihrem Handgelenk lag noch immer das schwarze Band. Es war mit ihr angekommen und würde mit ihr weiterreisen. Morla strich mit dem Daumen darüber, bevor sie auch die letzten Dinge einpackte.

Dann fiel ihr Blick auf Everlight. Das feine Armband lag neben der geöffneten Tasche, und Morla wusste noch immer, dass seine Geschichte hier nicht endete. Sie nahm es mit. Natürlich. Auch Epilog I fand seinen Platz im Gepäck. Nicht als Erinnerung daran, dass etwas vorbei war, sondern als Zeichen dafür, dass etwas bleiben konnte, selbst wenn man weiterging.

Unten im Eingangsraum stand die kleine Vase auf dem Tisch. An diesem Morgen steckte darin eine einzelne helle Blüte. Die Besitzerin der Pension kam aus der Küche, sah Morlas Gepäck und nickte, als hätte sie längst gewusst, dass dieser Morgen irgendwann kommen würde.

„Dann zieht es dich weiter“, sagte sie.

Morla lächelte. „Ja.“ Mehr brauchte es nicht.

Vor der Tür blieb sie noch einmal stehen und blickte zurück. Oben lag ihr Fenster. Unten der Garten. Und hinter allem das Meer.

Morla hatte geglaubt, ihre erste Reise würde damit beginnen, dass sie einen neuen Ort fand. Nun wusste sie es besser. Eine Reise begann nicht damit, irgendwo anzukommen. Sie begann damit, dass man zuließ, von einem Ort verändert wieder fortzugehen.

Morla nahm ihre Tasche und machte sich auf den Weg. Die Küste blieb hinter ihr zurück, doch ihre Spuren reisten mit. Und irgendwo vor ihr wartete bereits der nächste Ort.

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