Kapitel I · The First Journey

ANCHOR

Was Halt gibt

Anchor Fußkettchen auf zwei kurzen Trägern in den sechs Farben und Steinen des ersten Kapitels

An einem Morgen führte Morlas Weg hinunter zu einem kleinen Hafen, den sie bisher nur aus der Ferne gesehen hatte. Zwischen den Felsen lagen einige Boote dicht beieinander im ruhigen Wasser. Taue liefen über verwitterte Poller, Möwen saßen auf den Dächern der kleinen Schuppen, und irgendwo klapperte Metall leise gegen einen Mast.

Morla blieb eine Weile am Rand des Kais stehen und beobachtete einen älteren Mann, der sein Boot für die Fahrt vorbereitete. Er löste ein Tau, überprüfte etwas am Bug und zog schließlich einen schweren Anker aus dem Wasser. Der Mann bemerkte ihren Blick und lächelte.

Morla beobachtet am Hafen einen älteren Mann, der einen schweren Anker aus dem Wasser in sein Boot hebt

„Er hält uns nicht hier“, sagte er. „Er sorgt nur dafür, dass wir bleiben können, solange wir bleiben müssen.“

Dann ließ er den Anker im Boot verschwinden, löste das letzte Tau und stieß sich vom Kai ab. Morla sah dem kleinen Schiff nach, bis es zwischen den Felsen hindurch auf das offene Meer hinausfuhr. Die Worte blieben bei ihr.

Sie setzte sich auf die niedrige Hafenmauer und beobachtete, wie langsam mehr Leben zwischen die Boote kam. Menschen trugen Kisten über den Kai, irgendwo wurde gelacht, ein Hund lief zwischen zwei Fischern hindurch, und aus einem geöffneten Fenster roch es nach Kaffee.

Dabei dachte Morla an die kleine Pension. An ihr Zimmer. An den Tisch am Fenster. An den Ort, der für eine Weile zu etwas Vertrautem geworden war, obwohl sie wusste, dass sie irgendwann weiterziehen würde. Vielleicht musste etwas nicht für immer bleiben, um einem Halt zu geben.

Am Abend saß Morla wieder an ihrem kleinen Tisch. Wie jeden Abend öffnete sie ihre graue Werkstatttasche und ließ ihre Finger beginnen. Sie griffen nach einem langen Faden und führten ihn in ruhigen, gleichmäßigen Bewegungen weiter, während Morla den Tag langsam ausklingen ließ.

Erst als sie innehielt, sah sie, was entstanden war. Das Stück war schmal und leicht. Fast automatisch legte Morla es um ihren Fußknöchel. Dorthin, wo jeder neue Weg begann.

Für einen Moment musste sie wieder an den Hafen denken. An das Boot, das ruhig zwischen den anderen gelegen hatte. An den Augenblick, in dem es sich löste und hinaus aufs Meer fuhr. Und plötzlich wusste Morla, was ihre Hände aus diesem Tag mitgebracht hatten.

Nicht etwas, das festhielt. Sondern etwas, das daran erinnerte, dass man einen Ort verlassen kann und trotzdem etwas von seinem Halt mitnimmt. Morla nannte es Anchor.

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